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6. Flottille Volksmarine: Geschichte, Aufbau und Boote

Stand: Mai 2026

Die 6. Flottille der Volksmarine war der Schnellbootsverband der Seestreitkräfte der DDR, gegründet am 1. Mai 1963 und stationiert auf der Halbinsel Bug bei Dranske auf Rügen. Sie bildete die sogenannten Schiffsstoßkräfte, also jene Einheiten, die im Ernstfall als erste Angriffswelle gegen feindliche Überwasserschiffe hätten vorgehen sollen.

Wenn du die Geschichte der DDR-Marine verstehen willst, kommst du an der 6. Flottille nicht vorbei, denn sie war das offensive Rückgrat der Volksmarine und bündelte Torpedo- und Raketenschnellboote unter einem Dach. Zusammen mit der 1. und 4. Flottille bildete sie die drei operativen Verbände der Volksmarine. Ihr Tarnname lautete „Bukwa“.

Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete ihre Geschichte. Die Boote wurden außer Dienst gestellt, verschrottet oder an Drittstaaten abgegeben. Was bleibt, ist ein faszinierendes Kapitel Kalter Krieg zur See, das bis heute Marinehistoriker und Technikinteressierte beschäftigt. In diesem Artikel erfährst du alles über Gründung, Struktur, Bootstypen und das Ende dieses einzigartigen Schnellbootsverbands.

Wie entstand der Verband und welche Aufgabe hatte er?

Die 6. Flottille entstand aus dem Bedarf heraus, den Seestreitkräften der DDR eine schlagkräftige Offensivkomponente zu geben, die den zahlenmäßig überlegenen Einheiten der Bundesmarine etwas entgegensetzen konnte. Ihre Geschichte beginnt in Saßnitz, führt über mehrere Umstrukturierungen und endet mit einem Stützpunkt, der bis heute als Lost Place auf Rügen existiert.

Gründung in Saßnitz und der Weg zum Stützpunkt Bug

Die Wurzeln der Flottille reichen in die späten 1950er Jahre zurück. Ab Oktober 1957 übernahm die Volksmarine in Parow die ersten Torpedoschnellboote sowjetischer Bauart (Projekt 183). Bis September 1960 standen insgesamt 27 TS-Boote im Dienst, zunächst an verschiedenen Standorten verteilt, darunter Sassnitz und Ribnitz-Damgarten.

Am 1. Mai 1963 wurde die 6. Flottille offiziell gegründet. Zwei Jahre später, am 8. Mai 1965, bezog der Verband seinen endgültigen Stützpunkt auf der Halbinsel Bug bei Dranske im Norden Rügens. Dieser Standort bot taktische Vorteile: geschützte Liegeplätze, kurze Wege in die Arkonasee und Nähe zu den erwarteten Operationsgebieten. Die Landungsboote und Küstenschutzschiffe, die vorher zum Verband gehörten, wurden bei der Umstrukturierung anderen Flottillen unterstellt.

Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte sich der Stützpunkt Bug ausschließlich auf Schnellboote und ihre Versorgungseinheiten. Rostock und Stralsund dienten als rückwärtige Logistikstützpunkte.

Auftrag der Schiffsstoßkräfte im Vergleich zur Bundesmarine

Der Kernauftrag der 6. Flottille lässt sich auf einen Satz reduzieren: Vernichtung großer und mittlerer Überwasserschiffe des Gegners durch Torpedo- und Raketenangriffe. Die Seestreitkräfte der DDR waren der Bundesmarine in Tonnage und Schiffszahl deutlich unterlegen. Die Volksmarine setzte deshalb auf schnelle, wendige Boote mit hoher Feuerkraft.

Kriterium6. Flottille (Volksmarine)Bundesmarine (Schnellboote)
StrategieOffensive Stoßkräfte gegen ÜberwasserschiffeSperrung der Ostseezugänge, Aufklärung
HauptwaffenTorpedos, ab 1962 SeezielraketenTorpedos, ab Ende 1960er Seezielraketen
EinsatzgebietArkonasee, Mecklenburger BuchtOstsee und Ostseeausgänge
DoktrinWarschauer Pakt, Vereinigte OstseeflottenNATO-Integration

Die Aufklärung gegnerischer Kräfte im Fehmarnbelt, in der Lübecker Bucht und der gesamten Arkonasee gehörte ebenso zum Auftrag wie die Begleitung feindlicher Überwasserkampfschiffe und die Sicherung der zivilen Schifffahrt. Im Zusammenwirken mit der Baltischen Rotbannerflotte und der Polnischen Seekriegsflotte sollte die Flottille Angriffe aus Richtung Sund und Belt abwehren.

Kommandostruktur, Brigaden und bekannte Führungspersonen

Die operative Führung der 6. Flottille lag beim Kommando der Volksmarine über dessen operativen Dienst (OP-Dienst). Der Chef der Flottille führte den Verband taktisch und war für Ausbildung, Einsatzbereitschaft und Disziplin verantwortlich.

Intern gliederte sich die Flottille in mehrere Brigaden:

  • RTSB-Brigade (Raketen-Torpedo-Schnellbootsbrigade): ausgerüstet mit Projekt-205-Booten
  • TSB-Brigade (Torpedoschnellbootsbrigade): ausgerüstet mit Projekt-183-Booten
  • LTSB-Brigade (Leichte Torpedoschnellbootsbrigade): gegründet 1963/64 mit Eigenentwicklungen
  • RSB-Brigade (Raketenschnellbootsbrigade): für die späteren Raketenschnellboote

Jede Brigade bestand aus drei Abteilungen. Die Ausbildung folgte einem dreistufigen System: Kampfreserve für die Grundausbildung, Kampfkern 2 für Gruppen- und Abteilungsübungen. Kampfkern 1 für die anspruchsvollsten Einsatzszenarien inklusive Brigadeangriff.

Zu den bekannten Führungspersönlichkeiten zählt Kapitän zur See Werner Murzynowski, der die Flottille sowohl als Kommandant als auch als Brigadechef und später als Flottillenchef prägte. Verteidigungsminister Heinz Hoffmann und Ministerpräsident Willi Stoph setzten als politische Entscheidungsträger die Rahmenbedingungen für die Marinerüstung der DDR. Ein schwimmender Stützpunkt ergänzte die landgebundene Infrastruktur und diente als mobile Basis bei Übungen und im Ernstfall.

Welche Boote prägten den Einsatz bis zur Außerdienststellung?

Die Boote der 6. Flottille stammten überwiegend aus sowjetischer Produktion, ergänzt durch bemerkenswerte DDR-Eigenentwicklungen der Peene-Werft Wolgast und der Yachtwerft Berlin. Insgesamt durchlief der Verband zwischen 1957 und 1990 mehrere Generationswechsel, vom einfachen Torpedoschnellboot bis zum raketenbewaffneten Kampfschiff.

Torpedoschnellboote von Projekt 183 bis Projekt 206

Das Torpedoschnellboot Projekt 183 (NATO-Code: P-6-Klasse) war der Grundstein der Stoßkräfte. Ab Oktober 1957 trafen die ersten Einheiten ein, bis 1960 waren 27 TS-Boote im Dienst. Diese Boote verdrängten rund 66 Tonnen, erreichten etwa 42 Knoten und trugen zwei 533-mm-Torpedorohre.

Parallel dazu entwickelte die Volksmarine eigene leichte Torpedoschnellboote:

ProjektNATO/DDR-NameWerftBewaffnungBesonderheit
63Iltis (Iltis-Klasse)Peene-Werft Wolgast2 TorpedorohreErste DDR-Eigenentwicklung
68HydraYachtwerft Berlin3 Torpedorohre (Kal. 39)Bootskörper aus Mahagoniholz
131Libelle-KlassePeene-Werft Wolgast2 TorpedorohreWeiterentwicklung der Iltis-Klasse
206Shershen-KlasseSowjetische Werft4 TorpedorohreAblösung der P-6-Klasse

Das Projekt 68 konnte sich wegen schwieriger Wartungsbedingungen nicht durchsetzen. Die Torpedos des Typs 39 PM wurden bei beiden leichten Typen mit dem Gefechtskopf in Fahrtrichtung, aber nach achtern ausgestoßen. Die LTS-Boote der Iltis-Klasse und später der Libelle-Klasse bewährten sich dagegen im Dienst und bildeten das Rückgrat der LTSB-Brigade.

Raketenschnellboote und kleine Raketenschiffe der späteren Jahre

Ab 1962 begann eine neue Ära: Die ersten Raketenschnellboote Projekt 205 (NATO-Code: Osa-I-Klasse) trafen ein. Bis 1965 verfügte die Flottille über 15 dieser Boote. Sie trugen vier Seezielflugkörper vom Typ P-15 Termit mit einer Reichweite von etwa 40 Kilometern. Das war ein Quantensprung gegenüber den Torpedos, die einen Angriff auf wenige tausend Meter erforderten.

Die Osa-I-Klasse brachte der Volksmarine vorübergehend einen taktischen Vorteil. Die Bundesmarine kompensierte das allerdings rasch: Zehn Raketenschnellboote französischer Herkunft wurden beschafft, ergänzt durch eigene Neubauten.

In den 1980er Jahren folgten die kleinen Raketenschiffe Projekt 1241 (NATO-Code: Tarantul-I-Klasse). Diese Einheiten waren deutlich größer, seetüchtiger und mit modernerer Elektronik ausgestattet. Das Projekt 151 (Balcom-10-Klasse) stellte eine weitere DDR-Eigenentwicklung im Bereich der Raketenschnellboote dar. Ebenso kamen KTS-Boote (Kleinsttorpedoschnellboote) wie das KTS-Boot 945 der Wiesel-Klasse zum Einsatz.

Eigenentwicklungen, Werften und Versorgungseinheiten

Die DDR war nicht bloß ein Abnehmer sowjetischer Technik. Tatsächlich entwickelte und baute die Peene-Werft Wolgast einige Bootstypen komplett selbst – zum Beispiel die Iltis-Klasse (Projekt 63) und die Libelle-Klasse (Projekt 131). Die Yachtwerft Berlin brachte mit dem Projekt 68 noch einen eigenen Entwurf ins Spiel, wobei das allerdings eher eine Ausnahmeerscheinung blieb.

Zur 6. Flottille gehörten neben den Kampfbooten auch verschiedene Versorgungseinheiten:

  • Hochseeversorger – zuständig für Treibstoff, Munition und Proviant
  • Reedeschlepper – gebraucht für Hafenmanöver und Bergungsaufgaben
  • Wohnschiffe – als Unterkunft für Besatzungen während Übungen und im Hafen
  • Torpedo-Technische Kompanie (TTK-6) – kümmerte sich um Wartung und Bereitstellung der Torpedos
  • Raketen-Technische Kompanie (RTK-6) – für die Einsatzbereitschaft der Flugkörper
  • Versorgungs- und Ausrüstungslager (VAL) – am Stützpunkt Bug

Neue Boote wurden meistens direkt an der jeweiligen Werft in Dienst gestellt. Die Außerdienststellungen häuften sich dann zwischen 1989 und 1990, als die politischen Umbrüche das Ende der Volksmarine einläuteten. Am Stützpunkt Dranske auf Bug lief der letzte Dienstbetrieb am 2. Oktober 1990 aus – also buchstäblich einen Tag vor der Wiedervereinigung.

Häufige Fragen und Antworten:

Welche Aufgaben und Einsatzschwerpunkte hatte die Flottille innerhalb der Seestreitkräfte der DDR?

Die 6. Flottille war quasi das Rückgrat der Schiffsstoßkräfte der Volksmarine. Ihre Hauptaufgabe? Die Bekämpfung mittlerer und großer Überwasserschiffe des Gegners – meist mit Torpedo- und Raketenangriffen in der Arkonasee und der Mecklenburger Bucht. Dazu kamen durchgehende Aufklärung, das Begleiten gegnerischer Kampfschiffe und die Sicherung der zivilen Schifffahrt. Klingt nach viel? War’s auch.

Welche Schiffe und Bootsklassen gehörten typischerweise zur Ausrüstung dieser Einheit?

Zum Bestand der Flottille zählten Torpedoschnellboote der P-6-Klasse (Projekt 183), Raketenschnellboote der Osa-I-Klasse (Projekt 205), kleine Raketenschiffe der Tarantul-I-Klasse (Projekt 1241) und natürlich DDR-Eigenentwicklungen wie die Iltis-Klasse (Projekt 63) sowie die Libelle-Klasse (Projekt 131). Ergänzt wurde das Ganze durch KTS-Boote, Hochseeversorger und Reedeschlepper. Ganz schön vielseitig, oder?

Wo war die Einheit stationiert und welche Standorte spielten dabei die wichtigste Rolle?

Der Hauptstützpunkt lag ab 1965 auf der Halbinsel Bug bei Dranske auf Rügen (Stützpunkt Bug). Vorher waren verschiedene Einheiten in Sassnitz, Parow und Ribnitz-Damgarten untergebracht. Rostock und Stralsund dienten außerdem als logistische Unterstützungsstützpunkte. Ein ziemliches Netz an Standorten, wenn man so drüber nachdenkt.

Wie war die interne Gliederung, Kommandostruktur und Unterstellung organisiert?

Die 6. Flottille unterstand direkt dem Kommando der Volksmarine und war intern in mehrere Brigaden aufgeteilt: RTSB-Brigade, TSB-Brigade, LTSB-Brigade und RSB-Brigade. Jede dieser Brigaden bestand wiederum aus drei Abteilungen, die jeweils bis zu zehn Boote umfassten. Die operative Führung lief über den OP-Dienst des Kommandos der Volksmarine. Nicht gerade unkompliziert, aber offenbar effektiv.

Welche bedeutenden Übungen, Operationen oder Zwischenfälle sind mit der Einheit verbunden?

Die Flottille war regelmäßig bei den gemeinsamen Übungen der Vereinigten Ostseeflotten des Warschauer Pakts dabei – oft zusammen mit der Baltischen Rotbannerflotte und der Polnischen Seekriegsflotte. Die größten Highlights im Ausbildungsjahr waren die Brigadenangriffe, bei denen bis zu 27 Boote gleichzeitig eingesetzt wurden. Da wurden Torpedo- und Raketenangriffe auf simulierte Überwasserziele geprobt. Beeindruckend, wenn man sich das mal bildlich vorstellt.

Was geschah mit Personal und Material nach der deutschen Wiedervereinigung?

Am 2. Oktober 1990 endete der Dienstbetrieb der 6. Flottille – und zwar buchstäblich auf den letzten Drücker, nur einen Tag vor der Wiedervereinigung. Die Boote? Die meisten wurden ausgemustert, einige verschrottet, ein paar landeten sogar bei Drittstaaten. Das Personal hatte’s nicht leicht: Die meisten mussten gehen, nur eine Handvoll Offiziere schafften es in die Bundesmarine. Und der Stützpunkt Bug bei Dranske? Heute ist das Gelände ziemlich verlassen, ein echter Lost Place, den man vielleicht mal gesehen haben sollte – falls man auf sowas steht.